Autor: Ralf Gerhard Ehlert

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Ralf Gerhard Ehlert studierte Musikwissenschaften, Germanistik und Phonetik an der Uni Köln (Ma­gis­ter Ar­ti­um). Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter im medien- und kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Medien und kulturelle Kommunikation“ der Universitäten Köln, Bonn und Aachen, war gleichzeitig Lehrbeauftragter des Kölner Musikwissenschaftlichen Instituts. Ehlert ist ausgebildeter Webdesigner, Flashprogrammierer und Suchmaschinenoptimierer. Seit 2014 ist er freier Journalist, Blogger, Marketer, lebt im schönen Sauerland (Arnsberg), arbeitet im Netz.

Ralf Gerhard Ehlert bei , Twitter, Xing, Kontakt: lautzeichen.de.

ich über mich selbst

Als ich mich im Laufe des Jahres 2013 beruflich neu orientieren durfte (pointiert gesagt war meine Laufbahn als Hausmann beendet, meine Söhne können sich ihren Hintern inzwischen selbst abputzen), war ein Wiedereinstieg in den akademischen Bereich ausgeschlossen. Nach jahrelanger Abstinenz sind universitäre Portale für ‚Rückkehrer‘ schlicht versiegelt. Zudem hatte ich inzwischen meine Selbstständigkeit bei (fast) freier Zeiteinteilung und (eher mäßiger) Entscheidungsfreiheit schätzen gelernt – nicht im Rahmen meiner häuslichen Pflichten, die ich unter dem Regime einer eisernen Chefin zu erledigen hatte, sondern als Shopentwickler und Suchmaschinenoptimierer in meiner (nächtlichen) Freizeit.

Es lag daher nahe, eine vollständige Selbstständigkeit anzustreben und hierzu meine Ausbildung und Erfahrungen im Bereich des Online-Marketings zu nutzen. Weiterführende Anleitungen, sich ‚im‘ Internet selbstständig zu machen, sind ebenda zahlreich zu finden. Die meisten allerdings deuten darauf hin, dass sich die Verfasser selbst erst kürzlich in das Thema Selbstständigkeit eingelesen haben, um dann die Frage „Wie mach‘ ich mich im Internet selbstständig“ auf der gerade nach Baukastenanleitung erstellten, ersten eigenen Homepage selbst zu erörtern – der gängige Tipp „Überleg‘ nicht lange, fang an zu bloggen“ scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen. Beim Lesen dieser zahlreichen „10 besten Tipps“ kam schnell das dringende Bedürfnis in mir hoch, die auf solchen Seiten vorgefundene verschriftlichte mündliche Umgangsschreibe in Hochdeutsch zu übersetzen und die offenbar mit statistischen Mitteln quer über den Text verstreuten Kommata in ihre korrekten Positionen zu rücken. Auch sah ich unter marktwirtschaftlichem Blickwinkel, den ich als Selbstständiger ja fortan anlegen musste, durchaus Chancen. Und nach dem Motto „Überleg‘ nicht lange…“ meldete ich mich prompt bei einigen sogenannten Textprovidern an.

Textprovider sind Vermittler zwischen Komma-Bedürftigen und Interpunktions-Fähigen, dachte ich – und lernte viel. Tatsächlich kann ich allein schon aus pädagogischen Gründen jeder Journalistin und jedem Journalisten nur empfehlen, sich in einen solchen Marktplatz testweise einzuklinken. Ums kurz zu machen: Ad-hoc-Recherche mit anschließender Temposchreibe ist nicht jedermanns Sache und fordert Respekt ab für diejenigen, die tatsächlich davon leben (können). Ich jedenfalls bin Langsam-Texter mit zudem ausgeprägtem Hang zu ausgiebiger, neugieriger und blöderweise ausschweifender Recherchearbeit. Eine finanzielle Existenz auf Basis der dort vorgefundenen, streng marktwirtschaftlich orientierten Konditionen schien für mich vollkommen aussichtslos zu sein.

Die geforderten Qualifikationen für Online-Texter konnte ich also schlicht und einfach nicht vorweisen, eine erneute gründliche bis ausschweifende Internet-Recherche musste daher her. Google führte mich dabei von den Anfängen des Kaiserreichs über Pontius zu Pilatus, bis ich schließlich von der Suchmaschine genötigt wurde, den akademischen, juristischen, ernährungsphysiologischen wie feinmotorischen Unterschied zwischen Texter und Journalist zu ergründen. Und plötzlich stieß ich in diesem Zusammenhang auf ein Thema (dem Suchalgorithmus sei dank), das bisher für mich gar keins war: Die medial bedingte Krise des ab ovo medialen Journalismus (Journalisten dürfen sich nun wundern, dass das Thema Journalismus-Krise bzw. die daraus resultierte Journalisten-Krise in der Bevölkerung nie richtig angekommen ist, jedenfalls nicht bei Hausfrauen/männern, die sich um Zähneputzen und Nägelschneiden zu kümmern haben/hatten).

Dieses Thema faszinierte mich und fesselt mich seitdem, ging und geht es prospektiv doch im Grunde nicht um eine Krise, sondern um die vermutlich erstmalige und vielleicht auch einmalige Chance, mit modernen Techniken den potentiellen bzw. früheren Arbeitgebern, Institutionen und Schleusenwächtern, die die Entwicklung verschlafen und dadurch das Desaster erst verursacht haben, Paroli bieten zu können. Das ursprüngliche Problem oder vielmehr die initiale Ursache, nämlich der Medienwandel bzw. ein enorm schneller Medienwechsel, bietet nun gleichsam das Instrumentarium, um sich selbst zu institutionalisieren, sich zu markieren, um fortan auf vergleichbarer Augenhöhe agieren zu können.

Soll heißen: Für freie Journalistinnen und Journalisten (und für solche, die Gefahr laufen, frei zu werden), gilt es, die Vorteile auszuspielen, die sie gegenüber einer grundsätzlich trägen institutionalisierten Maschinerie haben: schnelles Reaktionsvermögen, Entscheidungsfreiheit, Flexibilität und Instinkt (einer Maschine bzw. Institution spreche ich spätestens die letzte Qualität prinzipiell ab). Die medientechnischen Instrumente, die zur Demonstration dieser Qualitäten und zur Markierung des Selbst nötig sind, sind in aller Regel im Internet frei verfügbar – sie wollen schlicht verstanden und dann genutzt werden.