Tracking bei deutschen Online-Zeitungen

In Kooperation mit Stiftung Datentest legt Journalismus plus seinen investigativen Bericht 2014 über das Tracking-Engagement deutscher Online-Zeitungen vor. Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut: Als Analysetool nutzten wir das kostenlose Plugin Ghostery, zur Auswertung wählten wir aus tausenden von Seiten frei Schnauze neun aus.

Die hinter Ghostery steckende US-Firma verdient ihr Geld übrigens mit dem Verkauf von Daten, die mit einer aktivierbaren Zusatzfunktion von Ghostery gesammelt werden. Das Plugin würde sich daher selbst als Tracker identifizieren und der Kategorie „Analytik“ zuordnen. Aber im Sinne unseres Bundestagspräsidenten Lammert, der jüngst bezüglich der NSA-Spionagepraktiken Gelassenheit demonstrierte, sagen auch wir zur Datensammelleidenschaft unserer amerikanischen Freunde: Scheißt der Hund drauf.

And here are the winners of the 2014 Journalism Tracking Awards:

Tracker auf spiegel.de Platz 8: spiegel.de
Nur auf den letzten Platz schaffte es der Online-Abklatsch einer einst recht beliebten Polit-Zeitschrift (ältere Semester erinnern sich?). Mit schlappen 8 Tracker-Points ist halt kein Blumentopf zu gewinnen. Kein Wunder, dass spiegel.de immer mehr an Reichweite verliert – vor Monaten bereits weit abgehängt vom direkten Konkurrenten focus.de (s. u.), der deutlich mehr Interesse an ‚Kundenwünschen‘ zeigt, wird beim Spiegel offenbar überwiegend noch auf eine antiquierte Gatepeeper-Funktion gesetzt. Entscheiden beim Spiegel tatsächlich noch Redakteure, welche Themen von Interesse sein könnten? Hier herrscht dringender Analysebedarf.


Tracker auf faz.net Platz 7: faz.net
Mit einer bunten Mischung aus Tracker-Pixeln, Social-Media-Verbindungen und Analyse-Tools ist faz.net auf einem guten Weg. Nicht etwa der Leser, sondern der User, sein Surfverhalten und insgesamt der Service am Kunden stehen im Online-Blickpunkt – oder wie der zuständige Dienstleister formuliert: „Die Werbung dieser Webseite wird durch die anonyme Erhebung und Verarbeitung Ihres Nutzungsverhaltens auf prognostizierte Interessen hin für Sie optimiert.“ Dass das aber auch noch besser geht, demonstriert die nachfolgende Konkurrenz.


Tracker auf taz.dePlatz 6: taz.de
Faz, Taz, Tick, Trick oder Truck – der modernen UserIn ist das wurscht. Wichtig hingegen: tracken und transmitten. Als Zugeständnis an die zahlende taz GenossIn ist es hierbei wohl zu werten, dass auf Google-Tracker wie Analytics oder Adsense verzichtet wird – es gibt ja genügend andere. Zudem ist dank der Verwendung von Googles DoubleClick hinreichend für den Datentransfer in Richtung USA gesorgt. Ebenfalls verzichtet taz.de auf die direkten Datenbahnen zu google+, fratzebuch und twitter. Durch Nutzung der 2-Klick-Buttons von heise.de muss die Social-Media-GenossIn zum Liken, Plussen oder Twittern zweimal klicken, bis die kapitalistischen Firmen wissen, was die tazerIn mag. Datenschutz suggerieren und dennoch 17 Tracker-Punkte abkassieren – clever ist das.


Tracker auf focus.de Platz 5: focus.de
Dank des Zugriff-Trackers INFOnline, der auf allen hier bewerteten Homepages eingebunden ist, konnte die Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) den Einzug von Focus online in die Top 10 ihres Reichweitenrankings protokollieren. Die AGOF sorgt sich um „mehr Transparenz in der Online-Werbung“ für deutsche Medienkonzerne, mit 18 integrierten Trackern kümmert sich focus.de um eine weltweite Userdaten-Transparenz. Ca. 12 Millionen „Unique User“ ab 10 Jahren können so allein auf dieser Website monatlich durchleuchtet werden. Technische Randfrage: Wie die AGOF wohl mit einem einfachen Zählpixel nicht nur die Zugriffe zählen, sondern auch in Altersgruppen unterteilen kann?


Tracker auf huffingtonpost.de Platz 4: huffingtonpost.de
Mit gleicher Punktzahl wie focus.de folgt der mediale Bündnispartner Huffington Post auf dem 4. Platz. Die qualitative Einzelwertung verschaffte den kleinen Vorsprung: Statistischen Zugriff erhalten hier bereits auf der Startseite auch die Großkonzerne Facebook und Twitter, die bei focus.de anfangs noch dreist übergangen werden. Ansonsten hat man sich hier offenbar auf ähnliche Sammel-Techniken geeinigt (so lassen sich die Userdaten auch viel leichter zusammenführen), beispielsweise auf zwei eher selten vorkommende Adobe-Tracker oder die weit verbreiteten Analysemethoden des weltweit operierenden Krux-Konzerns.


Tracker auf derwesten.de/wp/ Platz 3: derwesten.de/wp/
Als Sauerländer bin ich besonders stolz auf unsere regionale Zeitung (Offenlegung: Nur deshalb ist eine Tageszeitung in die Wertung gerutscht :-) ). Mit satten 19 Tracking-Punkten bringt es die Westfalenpost bzw. Westfälische Rundsau auf den 3. Platz! Wir in Nordrhein-Westfalen wissen, wie man deutsch-amerikanische Freundschaft schreibt: Ob Google, Facebook oder Twitter – alle großen US-Datensammler werden gern bedient. Von Regionalität kann also keine Rede sein. Und auch hier findet sich wieder der Cookie-Tracker des Krux-Konzerns, der übrigens von Marketing wirklich was versteht: Aus einer Opt-Out-Seite wird kurzerhand eine „Consumer-Choice„-Landingpage: Rechtskonform wird die recht sinnfreie Möglichkeit geboten, durch das Setzen eines Cookies das Setzen von Cookies zu verhindern. Daneben aber [Trommelwirbel]: ein Formular zur Eingabe persönlicher Daten, um die eigene „web experience“ doch lieber noch zu steigern – alle Achtung!


Tracker auf bild.de Platz 2: bild.de
Vorbildlich. 24 Tracker auf dem Online-Portal des einstigen Meinungsmachers demonstrieren, wie es geht: Meinung wird nicht gemacht, sie wird aggregiert, um monetarisiert werden zu können. Demokratische Meinungsbildung in einer Form, wie sie sich Bild-Chef Mathias Döpfner vorstellt. Selbstkritisch wie er ist, räumt er allerdings einen Haken ein:

„Im Internet […] scheint so vieles kostenlos: von Suchdienstleistungen bis zu journalistischen Verlagsangeboten. In Wahrheit zahlen wir mit unserem Verhalten. Mit der Berechenbarkeit und kommerziellen Verwertbarkeit unseres Verhaltens. […]
Nur schrecklich. Es könnte sein, dass es gar nicht mehr so lange dauert, bis immer mehr Menschen erkennen, dass die Währung des eigenen Verhaltens einen hohen Preis fordert: die Freiheit zur Selbstbestimmung.“


Tracker auf welt.dePlatz 1: welt.de
And the winner is: WELT Online. Respekt und sportliche Anerkennung! Mit satten 28 Trackern bereits auf der Eingangsseite wird hier mustergültig durchleuchtet, was das Zeug hält. Der Name wird zum Programm: WELT-weite Verbreitung von Nutzerdaten dank Fünffachleitung zu Google und vielen anderen global agierenden Konzernen. Und wenn sich dann noch die Trackeranzahl bei Aufruf z. B. der Datenschutzseite auf 36 erhöht, demonstriert der Springer-Verlag auf beeindruckende Weise, wo die Online-Reise hingeht: „Die Axel Springer SE will der führende digitale Verlag werden“ (siehe Unternehmensporträt).

Hierzu ein offener Brief an Mathias Döpfner: „Mit Ihrem offenen Brief an den Eric von Google hatten Sie mich das Fürchten gelehrt: ein US-Konzern mit schwimmenden Büros auf den staatenlosen Weltmeeren, um die Welt zu beherrschen – obwohl doch Ihnen die WELT gehört! Nach meiner kleinen Tracking-Analyse aber weiß ich nun, dass Sie tatsächlich das Potential gesammelter Personendaten kennen, von dem Sie in Ihrem Brief schreiben; und dass Sie nach Kräften bemüht sind, dem US-Giganten deutsches Paroli zu bieten. Google fürchte ich dadurch nicht mehr so sehr.“


Tracker auf neues-deutschland.de Außerhalb jeglicher VerWertbarkeit: neues-deutschland.de

Aufgrund der Ignoranz jedweder demoskopischer Observierung fiel neues-deutschland.de komplett aus der Wertung. Mit nur einem einzigen Tracker, der noch dazu zu den datenschutzkonformen zählt, müssen wir davon ausgehen, dass sich diese Website noch im Aufbau befindet. Von neuem Deutschland kann jedenfalls keine Rede sein, der Trend zeigt eindeutig in eine andere Richtung…


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